Karrierefaktor IQ - Intelligenztest und Bewerbung


Intelligenztests bei Bewerbungsgesprächen sind in Deutschland eine Seltenheit. Bewerber müssen häufig ein Assessment-Center überstehen und sich bei einem Vorstellungsgespräch präsentieren können. Doch welche Unterschiede gibt es zwischen Chef und Mitarbeiter? Sorgt emotionales Geschick, Glück oder eine andere Eigenschaft dafür, dass man in der Unternehmensrangliste ganz oben steht? Vielleicht spielt der Intelligenzquotient eine größere Rolle als viele Firmen glauben.

Klug ist nicht gleich schlau, schlau ist nicht gleich intelligent

Ein kluger Mensch muss nicht schlau sein, kann aber mehr im Leben erreichen, als ein Mensch mit einem hohen Intelligenzquotient. Auch wenn diese Behauptung keinen Sinn zu ergeben scheint, ist sie dennoch richtig. Viele Menschen halten es von nötig, besonders intelligent zu sein. Dabei macht ist Intelligenz alleine kein Garant für Erfolg im Leben.

Was definiert eigentlich den klugen Menschen? Im Grunde ist ein kluger Mensch jemand, der ein breit gefächertes, aber eingeschränktes Wissen, zu vielen Bereichen hat. Dieses reicht aus, um sich problemlos durch das Leben zu schlagen. Ein schlauer Mensch hingegen besitzt relativ großes Wissen und viel Erfahrung, die er trickreich einsetzen kann. Durch sein großes Wissen meistert er jede Lebenslage mindestens genauso gut wie der kluge Mensch.

Dann gibt es noch den intelligenten Menschen, der über explizites Fachwissen in bestimmten Bereichen verfügt. Sie spezialisieren sich im Gegensatz zum klugen und schlauen Menschen auf einen einzigen oder sehr wenige Bereiche, die sie dafür aber wie ihre Westentasche kennen. Ihr Problem ist allerdings, dass ihnen das nötige Wissen für andere Lebenslagen fehlt. Nicht selten behaupten Experten, dass intelligenten Menschen Probleme haben, sich in einem sozialen Umfeld zu bewegen.

Viele Arbeitgeber bevorzugen den klugen oder schlauen Menschen, weil er, im Gegensatz zum intelligenten Menschen, ein Allrounder ist, der sich in vielen Bereichen gut auskennt. Sie sind meist keine Alleingänger, sondern können gut in Teams zusammenarbeiten und haben keine Probleme im Umgang mit ihren Arbeitskollegen. Intelligente Menschen sind dagegen häufig Einzelgänger, die ihre Arbeit lieber alleine erledigen. Natürlich sind auch diese Menschen gefragt, jedoch nicht für einen typischen Bürojob, sondern wichtigere Bereiche, insbesondere in Bereichen der Forschung.

Was zählt Intelligenz, wenn es in anderen Bereichen fehlt?

Mit der Intelligenz scheinen die Bundesbürger ihre Probleme zu haben. Nicht etwa, weil sie überdurchschnittlich dumm sind, sondern weil man nicht gerne über den eigenen IQ spricht. Man könnte fast schon sagen, dass der Deutsche lieber seinen Gehalt preisgibt, als seinen IQ.

Es mag sein, dass der Gedanke, seine Geisteskraft mit einer Zahl auszudrücken, bei der Allgemeinheit Unbehagen auslöst. Ist eine Zahl repräsentativ für einen Menschen? Ist dieser Messwert auch dann entscheidend, wenn dieser Mensch unfähig ist, eine Beziehung zu anderen Menschen aufzubauen? Gibt es nicht wichtigere Fähigkeiten im Leben - auch im Berufsleben?

Berechtigterweise stellt man sich die Frage, ob die Intelligenz überhaupt wichtig ist oder ob sie lediglich ein Messwert von Psychologen ist, der es ihnen einfacher macht, Menschen in Schubladen zu sortieren. So mancher Autor versucht, die Intelligenzzone auszuweiten. Ihnen ist die soziale Intelligenz wichtiger als die kognitive. In den vergangenen 20 Jahren gab es immer wieder Versuche, jede Fertigkeit und jede Begabung einer Person als eine Form von Intelligenz zu deklarieren.

Die Schlauen sind oben, die Dummen bleiben unten?

Das ist zumindest der allgemeine Eindruck. Jochen Kramer, ein Wissenschaftler an der Universität Tübingen, scheint dies zu bestätigen: Er fasste im Jahr 2009 insgesamt 244 Studien in einer Metaanalyse zusammen. Sein Ergebnis: Intelligente Menschen sind im Regelfall erfolgreicher. Kramer trug seine Daten über einen Zeitraum von fünf Jahren für seine Dissertation zusammen. Er kam zu der Erkenntnis, dass intelligente Mitarbeiter eine bessere Arbeit abliefern und beruflich erfolgreicher sind.

Natürlich kann eine Metaanalyse nicht ausschließen, dass ein vergleichsweise weniger intelligenter Mensch zur rechten Zeit am rechten Ort war und daraus eine beeindruckende Karriere resultierte. Im selben Zeitraum wurde der hochbegabte Kollege durch unfaire Mittel aus dem Rennen geworfen. Das ist aber eher die Ausnahme, wahrscheinlicher ist der umgekehrte Verlauf.

Selbst in Berufen, die im Allgemeinen als wenig anspruchsvoll gelten, sollen sich die Intelligenten besser behaupten können. Dabei ist es völlig gleichgültig, ob man als Postbote oder Müllmann Karriere machen möchte. Folglich sollte es einen Arbeitnehmer nicht überraschen, wenn er beim Einstellungsgespräch auch gleich einen IQ-Test absolvieren muss. Auf der anderen Seite ist es auch für Arbeitgeber ratsam, Bewerber zum Intelligenztest aufzufordern. Sich einzig und alleine auf den Ersteindruck beim persönlichen Gespräch zu verlassen ist in etwa so, als würde ein Arzt einem Patienten eine Gehirntumoroperation vorschlagen, weil sich dieser über wiederholte Kopfschmerzen beklagt.

IQ-Tests bei Bewerbungen weiterhin eine Seltenheit

Und doch sind Intelligenztests bei Bewerbungsgesprächen eine Seltenheit in Deutschland. Bewerber müssen bei einem Vorstellungsgespräch meist durch andere Reifen hüpfen. Laut der Studie »Der Praxiseinsatz von Assessment Centern im deutschsprachigen Raum« (PDF; 382 KB) der Psychologen Prof. Dr. Stefan Höft und Prof. Dr. Christof Obermann zufolge sind beliebte Tests in deutschen Firmen, darunter auch Dax–100-Unternehmen, die Präsentation (89 Prozent), das Zweigergespräch/Rollenspiel (71 Prozent), die Fallstudie (69 Prozent), das Interview (66 Prozent) sowie die Gruppendiskussion mit TN (62 Prozent). Weniger häufig kommt der Postkorb, die Selbsteinschätzung, der in diesem Artikel angesprochene Intelligenztest, der Persönlichkeitstest, der biografische Fragebogen sowie Peerbeurteilungen zum Einsatz.

2008 setzte nicht einmal jedes dritte Unternehmen den Intelligenztest ein. In anderen Ländern dagegen sind IQ-Tests weitaus häufiger anzutreffen. Laut Christof Obermann ist der magere Einsatz der Intelligenztests hierzulande damit zu begründen, dass in Deutschland das Weltbild der Personaler dominiert - der Fokus liegt im Bereich Sozialkompetenz. Aus diesem Grund sind Rollenspiele und Gruppendiskussionen bei Bewerbungsgesprächen der Unternehmen so beliebt.

Statt Intelligenztests investieren viele Unternehmen in Assessment-Center, mit denen sich laut dem Marburger Psychologie-Professor Detlef Rost viel Geld verdienen lässt. Ein schlichter IQ-Test dagegen bringt vergleichsweise wenig Geld. Tobias Plate, ein Mitarbeiter von Roland Berger, untersuchte die Einstellungspraxis einer Beratungsfirma. Auch dieses Unternehmen wählt Mitarbeiter über ein Assessment-Center aus. Tatsächlich ist das Verfahren besser, als das Vergeben von Arbeitsverträgen per Los. Der Nutzen soll sich auf eine Dauer von fünf Jahren 12,3 Millionen Euro belaufen. Besser wäre jedoch der Intelligenztest in Kombination mit strukturierten Interviews - der Nutzen würde bei 26 Millionen Euro liegen.

Was bedeutet das Ganze für den Arbeitssuchenden? Auch wenn heute vergleichsweise wenige Unternehmen (in Deutschland) Intelligenztests durchführen lassen, kann man nie ausschließen, dass man sich bei einer Firma bewirbt, die einen IQ-Test verlangt. Um sich darauf vorzubereiten, können Interessierte hier ihren IQ kostenlos testen. Damit bereiten sie sich nicht nur auf ein anstehendes Interview vor, sondern erfahren auch etwas über die eigenen Fähigkeiten.

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